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DruckenVeröffentlicht am 15.12.2011 von Ralf Volkmer

News

Alle Teilnehmer sind sofort im wirklichen Leben angekommen!

Irgendwann in den 1960er Jahren wurde am MIT in den USA das ‚Beergame‘ entwickelt – der Klassiker einer rollenbasierten Simulation (Planspiel) der Supply Chain ausgehend von der Brauerei über die Distribution bis hin zum Biertrinker.

Auch die Fabrik im Seminarraum nimmt dieses Thema auf (nur ohne Bier), hat aber den Fokus auf den Planungs- und Fertigungsdurchlauf innerhalb eines Unternehmens unter Einbindung von Kunde und Lieferant.

Nachdem ich schon verschiedene Planspiele selbst ausprobiert habe, wurde ich hier neugierig. Denn immer noch auf der Suche nach etwas ‚Praktischem‘ für die eigene Nutzung beim Kunden schien mir die Fabrik im Seminarraum eine interessante Option; und so entschloss ich mich mitzumachen.

An einem Samstag im November war es dann soweit. Etwa drei Handvoll Kolleginnen und Kollegen aus der Beraterszene fanden sich in einem Tagungshotel vor der verschlossenen Tür der Fabrik im Seminarraum (Videomitschnitt) ein. Eintritt verboten! Nach einer Vorstellungsrunde bereiteten uns die Veranstalter auf den Tag vor. Und dann ging’s los und wir durften die ‚Fabrik‘ in Besitz nehmen. Teils neugierig, teils argwöhnisch beäugten wir das Ensemble der Tische und die darauf platzierten Dinge: bunte Kunststoffboxen, wie wir sie aus einer Werkstatt kennen, Werkzeuge, verschiedene Einzelteile für das Fertigprodukt. Übrigens: Diese Fabrik fertigt Starkstromstecker und –steckdosen in je zwei Varianten, Bier gab’s nicht zu brauen.
 
Über die einzelnen Tische verteilt konnten wir eine ganze Fabrik ausmachen: es gibt eine (dreistufige) Produktion, ein Lager, eine Verpackung, die Qualitätskontrolle, Produktionsplanung und Rechnungswesen, einen Platz für Nacharbeit (!) und darüber hinaus Kunden und Lieferanten – also eine vorwärts und rückwärts integrierte Supply Chain. An Hand des Aufbaus erstellten wir den gesamten Wertstrom.

An allen Plätzen lagen Tätigkeitsbeschreibungen und in der Produktion auch Stücklisten aus. Für die erste Simulationsrunde waren bereits Aufträge in der Bearbeitung, so dass wir nicht bei null gestartet waren. Nun mussten noch die Rollen verteilt werden und dann ging’s los. Eine Stunde lang Kundenwünsche erfüllen, was für eine Herausforderung für diese Supply Chain! Was jeder Teilnehmer während dieser Stunde schon selbst merkte, wurde danach durch die Ermittlung diverser Kennzahlen (z.B. gefertigte und gelieferte Produkte, Umsatz, Bestände, Qualitätsmängel) bittere Wahrheit: So geht’s nicht, so ein Unternehmen kann am Markt nicht bestehen: tiefrote Zahlen, unzufriedener Kunde. Die formellen Prozesse und Schnittstellen haben nicht funktioniert, informelle Prozesse und Workarounds entstanden, es fehlte an Transparenz entlang der Supply Chain.
 
Wir setzten uns an Hand der Kennzahlen Ziele, die in der zweiten Runde am Nachmittag erreicht werden sollten. Doch zuvor haben wir dann in Gruppenarbeit die Ist-Situation auseinandergepflückt, Optimierungspotenziale identifiziert und den neue Wertstrom beschrieben. Dementsprechend wurden die Tische neu angeordnet und die zweite Simulationsrunde vorbereitet. Drei Schwerpunkte sind wir im neuen Layout angegangen:

  • Die Supply Chain wurde entkoppelt (Komponentenvorfertigung auf Basis historischer Verkaufsdaten, finale Fertigung nach Auftragseingang), um möglichst schnell auf Kundenwünsche reagieren zu können
  • Die Logistikwege wurden minimiert
  • Alle Informationen zum Auftragsstatus und –durchlauf wurden für alle Prozessbeteiligten transparent gemacht
Doch waren diese Maßnahmen ausreichend, um die gesetzten Ziele erreichen zu können? Während dieser Runde glaubten wir schon zu erkennen, dass wir im Kundentakt produzieren und ausliefern konnten. Aber eine gefühlte Kennzahl ist eben keine gemessene. Die Kennzahlen, die nach der Runde ermittelt wurden, bestätigten unser Gefühl: Es wurden deutlich schwarze Zahlen geschrieben, der König Kunde wurde zu 100% zufrieden gestellt.

Fazit:
Die Fabrik im Seminarraum ist nichts theoretisches, was nur entfernt mit der Realität zu tun hat. Im Gegenteil: Hier wird richtig praktisch gearbeitet. Alle Teilnehmer sind sofort im wirklichen Leben angekommen und erleben hautnah, wie Prozesse funktionieren (oder eben nicht) und was jeder einzelne dazu beitragen kann, diese zu verbessern.

Es ist diese klare Botschaft an jede Organisation, dass das Denken und Handeln in Funktionen vorgestern war und nur eine gemeinsame Ausrichtung auf die Kundenbedürfnisse nachhaltigen Unternehmenserfolg mit sich bringt, insbesondere auch vor dem Hintergrund der wachsenden Anzahl global kollaborierender Supply Chains.

Und was Lean angeht, konnten wir an Fotos, die während des Tages aktuell geschossen wurden, alle 7 Arten der Verschwendung deutlich erkennen.
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