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DruckenVeröffentlicht am 31.01.2012 von Julitta Rössler-Kruszona

Fachartikel

Plädoyer für Leistung mit und durch Wohlbefinden - Selbstfürsorge im Arbeitsleben

Die Anforderungen und Bedingungen der Arbeitswelt sind zum Teil äußerst belastend. Ändern können wir sie in aller Regel nicht. Wie wir damit umgehen, das können wir ändern und uns dadurch vor Überlastung und Erschöpfung schützen.

Hand aufs Herz, wann standen Sie und Ihre ganz persönlichen Bedürfnisse, das, was Ihnen wirklich wichtig ist im Leben, das letzte Mal auf Platz 1 Ihrer „To-Do-Liste“? Wann haben Sie zuletzt mit allen Sinnen und in vollen Zügen Ihr Leben genossen? Wann haben Sie das letzte Mal ein Wochenende mit herrlichem Nichtstun oder in romantischer Zweisamkeit fernab von jeglicher Arbeit verbracht? Sie wissen es nicht mehr? Ihnen fehlt einfach die Zeit dafür? Stattdessen arbeiten Sie nahezu rund um die Uhr und gönnen sich nur noch selten arbeitsfreie Zeiten? Damit sind Sie nicht allein. Immer unterwegs, andauernd arbeitend, gehetzt, getrieben und überall für Arbeitsfragen erreichbar, ganz egal ob am Wochenende, im Urlaub oder einfach „nur“ in der wohlverdienten Freizeit. So sieht das Leben für immer mehr Menschen aus. Irgendetwas scheint aus den Fugen geraten zu sein in der ach so freien und modernen Arbeitswelt. Psychische Erkrankungen aufgrund von Arbeitsüberlastung nehmen rasant zu. Sie sind zum gravierendsten Arbeitsunfall der Neuzeit geworden, wie es der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther treffend ausdrückt.

Woran liegt das? Nicht die Menschen sind dünnhäutiger und weniger belastbar als früher. Die Arbeitswelt ist stattdessen anstrengender geworden, manchmal kaum noch erträglich. Eine Mitarbeiterin, die andauernd 10 Stunden und mehr pro Tag arbeitet, und die auf die Frage nach möglichen Arbeitserleichterungen von ihrem Chef den Rat bekommt, sich eine Putzhilfe für zuhause zu suchen, wird bewusst zur Überschreitung ihrer natürlichen Leistungsgrenzen aufgefordert. Ein Mitarbeiter, der am Tag der Beerdigung seines Schwiegervaters an einer Telefonkonferenz teilnehmen muss, erlebt alles andere als Empathie und soziale Verantwortung. Nicht anders ergeht es kranken Mitarbeitern, die nicht einfach nur genesen dürfen, sondern, die stattdessen auch am Krankenbett noch mit Arbeitsanfragen belästigt werden. Die Liste der Absonderlichkeiten ließe sich beliebig verlängern. Gesunde, motivierende und gute Arbeit sieht anders aus. Kompetentes Führungsverhalten auch. Es fehlt an Wertschätzung, Respekt und Achtung vor den natürlichen Leistungsgrenzen des Menschen. Angst, Druck und damit chronischer Stress sind dagegen zu ständigen Begleitern in einer an Gewinnmaximierung und Leistungsoptimierung orientierten Arbeitswelt geworden.

Insbesondere unser Gehirn reagiert darauf mit Leistungseinbußen. Es ist nämlich ein wahres Wohlfühl- und Erfolgsorgan und kann immer dann besonders gut arbeiten, wenn es uns gut geht, wir uns wohlfühlen und Anerkennung, Wertschätzung und Erfolg erleben. Dann verändert sich unser Hirnstoffwechsel leistungsförderlich. Aktivierende und stimmungsaufhellende Hormone werden freigesetzt und ermöglichen, dass wir innovativ, kreativ und engagiert unsere Aufgaben erledigen können. Geht es uns schlecht, weil wir unter Stress, Angst und Druck leiden, so passiert genau das Gegenteil. Die Versorgung mit energetisierenden Botenstoffen wird eingestellt. Das führt zu neuronalen Veränderungen, die anfangs „nur“ mit Konzentrations- und Merkproblemen einhergehen, im weiteren Verlauf aber auch neuronale Schäden hervorrufen können. Lässt der Stress nicht nach, so gerät unser hormoneller Haushalt aus dem Gleichgewicht. Im schlimmsten Fall, wenn die Belastungen zu lange andauern, riskieren wir schwere gesundheitliche Schäden.

Inkompetentes Führungsverhalten, mangelnde Wertschätzung, Angst und Druck sowie hohe Arbeitsanforderungen sind maßgeblich verantwortlich für den Anstieg von psychischen Erkrankungen im Arbeitsleben. Diese beklagenswerten äußeren Umstände lassen sich leider nur wenig vom Einzelnen beeinflussen. Die Art und Weise, wie wir damit umgehen, können wir aber verändern und uns dadurch schützen. Indem wir immer wieder für eine ausgeglichene Balance zwischen Aktivität und Regeneration sorgen, schützen wir uns vor Erschöpfung durch Überlastung. Denn Stress gehört zum Leben und wird erst dann zur Bedrohung, wenn wir es nicht mehr schaffen, Abstand davon zu nehmen. Dafür müssen wir unsere natürlichen Leistungsgrenzen akzeptieren und unsere persönlichen Bedürfnisse nach Regeneration und Privatleben mindestens genauso ernst nehmen, wie die Bedürfnisse und Anforderungen unserer Chefs und Kollegen. Selbstfürsorge und achtsamer Umgang mit sich selbst schützt vor gesundheitlichen Schäden und Erschöpfung. Die drei wichtigsten Handlungsebenen hierfür sind:

- Hormonelle Beruhigung durch Schlaf, Pausen, Entspannung und Bewegung
- Wiederentdeckung und feste Verankerung von Lebensgenuss im Tagesablauf
- Veränderung von antreibenden Denk- und Handlungsmustern

Wer sich dauerhaft und übermäßig gestresst und überlastet fühlt, hat meist das Gespür dafür verloren, was ihm guttut. Dabei sind es oft die vielen überhaupt nicht banalen sondern sehr wirkungsvollen Kleinigkeiten, die uns helfen können. Die genussvolle kleine Auszeit bei einer Tasse Kaffee oder Tee, das gute Gespräch mit einem Freund, eine kurze Zeit des Nichtstuns und Müßigganges, ein schöner Spaziergang in der Natur oder einfach ein wohltuendes warmes Bad vor dem Zubettgehen, das sind nur einige Beispiele für erholsame und den täglichen Stress lindernde Momente des Abschaltens. Gerade in Zeiten großer Anspannung und Belastung schöpfen wir neue Energie aus eben diesen Zeiten und tragen die gewonnene Energie leistungsförderlich mit in den Arbeitsalltag. Schließlich fahren wir mit unserem Auto auch nicht andauernd mit Vollgas auf der Überholspur. Gerade die Ausflugsfahrten auf landschaftlich schönen Strecken in gemäßigtem Tempo und fernab von Berufsverkehr, Stau und Termindruck tun gut und machen Spaß. Halten Sie sich deshalb täglich mindestens eine Stunde bewusst frei für Entspannung, Erholung und Genuss.

Schalten Sie bewusst regelmäßig ab von allen Themen rund um Ihre Arbeit, ganz besonders im Urlaub. Urlaub ist arbeitsfreie Zeit und dient ausschließlich der Erholung. Geben Sie niemandem das Recht, Sie andauernd mit Arbeitsanforderungen zu belästigen. Lernen Sie mit gutem Gewissen „Nein“ zu sagen. Nur wer der Arbeit regelmäßig ein Ende setzt und sich anderen Themen zuwendet, bleibt leistungsfähig. Obendrein schadet es der geistigen Flexibilität, wenn wir uns immer nur mit den Themen rund um unsere Arbeit beschäftigen. Ein dicht gewebtes Netz neuronaler Verknüpfungen entsteht erst dadurch, dass wir uns komplex und vielseitig geistig beschäftigen. Neugier, Leidenschaft und Begeisterung für unterschiedliche, auch arbeitsfremde Themen, das fördert innovatives und kreatives Denken. Davon profitieren wir auch im Arbeitsleben.

Wenn Sie das Gefühl haben, notwendige Veränderungen nicht alleine meistern zu können, kann es hilfreich sein, einen guten Coach als Partner und Wegbegleiter zu engagieren. Er kann durch einen partnerschaftlichen Dialog helfen, dass Sie den für Sie richtigen Ansatz und Weg entdecken. Im Fall bereits eingetretener gesundheitlicher Beeinträchtigungen ist dringend auch medizinische und eventuell therapeutische Hilfe unumgänglich.
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